Moskitos im Kleinen Haus: Große Gegenwartsdramatik trifft auf wissenschaftlichen Kontrollverlust


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Wenn der Fortschritt aus dem Ruder läuft: Moskitos im Kleinen Haus
Ein Teilchenbeschleuniger unter Genf, die Suche nach dem Ursprung des Universums und eine Familie, deren private Konflikte jede wissenschaftliche Ordnung sprengen: Lucy Kirkwoods bitterböse Komödie Moskitos verbindet Science-Fiction, Familiendrama und Gesellschaftssatire zu einem hochaktuellen Bühnenerlebnis. Am 29. Oktober 2026 gastiert die Inszenierung von Anna Stiepani im Kleinen Haus des Badischen Staatstheaters Karlsruhe – nur noch wenige Male.
Zwischen CERN und Familienchaos
Im Zentrum steht Alice, eine englische Wissenschaftlerin, die am ambitionierten Experiment der Menschheit arbeitet. Während winzige Teilchen aufeinanderprallen und die Grenzen des Erkennbaren verschieben, gerät ihr Privatleben aus dem Gleichgewicht. Ihr Sohn Luke leidet unter dem spurlosen Verschwinden seines Vaters, hasst Genf und wird nach einem Hackerangriff auf das Elternportal von der Schule suspendiert.
Auch Alices Schwester Jenny steht unter Druck. Die Erwartungen ihrer Mutter Karen lasten schwer auf ihr, während sie aus Angst vor möglichen Gefahren auf Ultraschall und Impfungen verzichtet. Kirkwood führt diese Figuren mit scharfem Blick durch ein gesellschaftliches Ordnungssystem, das diejenigen aussortiert, die nicht in seine Kategorien passen.
Bitterböse Komödie mit wissenschaftlichem Resonanzraum
Die Dramaturgie von Moskitos bewegt sich zwischen familiärer Überforderung, wissenschaftlicher Hybris und schwarzem Humor. Das CERN wird dabei nicht zur bloßen Kulisse, sondern zum Resonanzraum für die großen Fragen der Gegenwart: Was geschieht, wenn Erkenntnisdrang jede Vorsicht überstrahlt? Wie viel Kontrolle hält eine Familie aus? Und wer entscheidet, was als vernünftig gilt?
Lucy Kirkwood, britische Dramatikerin und Drehbuchautorin, verbindet präzise Dialoge mit der Dynamik einer bitterbösen Fernsehserie. Komische Situationen kippen in existenzielle Krisen, persönliche Verletzungen erhalten politische Dimensionen. Die Inszenierung legt damit die Sollbruchstellen einer Gesellschaft frei, die Leistung verehrt und zugleich jene Menschen zurücklässt, die ihren Erwartungen nicht entsprechen.
Anna Stiepani setzt auf präzise Bühnenkunst
Regisseurin Anna Stiepani arbeitet nach Stationen am Burgtheater Wien, am Schauspielhaus Zürich und am Staatstheater Nürnberg erstmals am Badischen Staatstheater. Ihre Inszenierung wird von einem sorgfältig komponierten Bühnenbild, Kostümen von Thurid Peine, der Musik von Matthias Jakisic, Videos von Gloria Gammer und der Lichtgestaltung von Stefan Woinke getragen.
Das Ensemble mit Lisa Schlegel als Alice, Ute Baggeröhr als Jenny, Nico Herzig als Luke und Angelika Fornell als Karen führt die Figuren durch ein Geflecht aus familiärer Nähe, politischer Wut und wissenschaftlichem Staunen. Die Schauspielkunst gewinnt ihre Spannung aus dem Wechsel zwischen komödiantischem Timing und emotionaler Verdichtung.
Ein Abend über Ordnung, Angst und die Grenzen des Machbaren
Mit seiner Verbindung aus Gegenwartsdrama, Komödie und Wissenschaftstheater öffnet Moskitos einen ungewöhnlichen Blick auf die Welt des CERN. Auch die Nähe zum Institut für Experimentelle Teilchenphysik am Karlsruher Institut für Technologie verleiht dem Stoff einen besonderen regionalen Resonanzraum.
Die Vorstellung richtet sich an Zuschauerinnen und Zuschauer ab 15 Jahren und dauert von 19:30 bis 22:00 Uhr inklusive einer Pause. Das Publikum erwartet ein kluges, sinnliches und unbequemes Bühnenerlebnis: eine Theateratmosphäre, in der Licht, Video, Musik und Schauspielkunst die Frage zuspitzen, ob sich das menschliche Leben ebenso berechnen lässt wie ein Teilchenexperiment.
Fazit: Ein Theaterabend zwischen Erkenntnis und Kontrollverlust
Moskitos verspricht keine beruhigende Ordnung, sondern einen Abend voller schwarzem Humor, familiärer Spannung und dramaturgischer Überraschungen. Wer zeitgenössisches Schauspiel, gesellschaftskritische Inszenierung und lebendige Bühnenkunst erleben möchte, sollte diese seltene Gelegenheit im Kleinen Haus des Badischen Staatstheaters Karlsruhe nutzen.
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