Cirquémétrage im Tollhaus: La Campistany verwandelt Büroalltag in Zirkuskunst


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Wenn der Büroalltag zum zirzensischen Albtraum wird
Ein Schreibtisch, eine flackernde Routine und eine Welt, in der selbst der Telefonapparat ein Eigenleben entwickelt: Mit Cirquémétrage präsentiert La Campistany beim ATOLL Festival 2026 ein zirzensisches Kurzdrama über Arbeit, Anpassung und die stille Erosion persönlicher Träume. Die deutsche Erstaufführung im Kulturzentrum TOLLHAUS verbindet zeitgenössischen Zirkus, Schauspiel und die poetische Logik der Magie Nouvelle zu einem präzisen Bühnenerlebnis.
Zwischen Aktenordnern und Abgründen
Júlia Campistany verwandelt den Büroarbeitsplatz in eine surreal aufgeladene Spielzone. Was zunächst nach geordnetem Alltag aussieht, kippt in eine Folge absurder Verschiebungen: Gegenstände geraten aus ihrer Funktion, Räume öffnen unerwartete Durchgänge und die scheinbar kontrollierte Arbeitswelt beginnt, ihre eigene Mechanik zu offenbaren. Die Inszenierung entwickelt dabei die Atmosphäre eines Kurzfilms, in dem Realität, Traum und leiser Albtraum ineinander übergehen.
Zirkuskunst als Sprache der Überforderung
Trapez, Mundbalance und Scherenwurf werden nicht als bloße artistische Attraktionen eingesetzt. In der Dramaturgie von Cirquémétrage verkörpern sie den täglichen Balanceakt eines Menschen, der zwischen Leistungsdruck, Gewohnheit und innerer Erschöpfung bestehen muss. Die Schauspielkunst der Performerin entsteht aus kleinsten Gesten, wiederholten Abläufen und einer Körpersprache, die den Widerstand gegen ein produktivitätsbesessenes System sichtbar macht.
Licht, Bühnenbild und die Magie des Unmöglichen
Das Bühnenbild greift die nüchterne Ästhetik eines klassischen Büros auf: Schreibtisch, Lampe, Ordner und technische Apparate bilden die Oberfläche einer scheinbar rationalen Welt. Lichtdesign und Bühnentechnik verschieben jedoch fortwährend die Wahrnehmung. Ein Gegenstand verschwindet, ein Telefon wird zum Gegenspieler, eine gewöhnliche Handlung erhält plötzlich die Spannung einer artistischen Grenzprüfung. Die Inszenierung lenkt den Blick, täuscht ihn und belohnt zugleich die Aufmerksamkeit des Publikums.
Eine international entwickelte Produktion
Júlia Campistany stammt aus Alella bei Barcelona und schloss 2020 ihre Ausbildung an der Zirkusschule Codarts in den Niederlanden ab. Als Performerin, Autorin und Regisseurin arbeitet sie an der Schnittstelle von zeitgenössischem Zirkus und visueller Theaterkunst. Unterstützt und koproduziert wurde die Produktion unter anderem von Festival Circolo, CircusWerkplaats Dommelhof, Circus Kapel, Theater Korzo und Theater In de Lugt.
Eine niederländische Theaterkritik beschrieb Cirquémétrage als vielversprechend, zerbrechlich und magisch. Besonders hervorgehoben wurden die filmische Atmosphäre, die intelligenten technischen Einfälle und die Verbindung von Humor mit einer beunruhigenden gesellschaftlichen Diagnose. Die Publikumsreaktion lebt dabei vom Wechsel zwischen Staunen, Komik und dem Wiedererkennen eigener Arbeitsroutinen.
Fazit: Ein kurzer Abend mit langer Wirkung
40 Minuten genügen La Campistany, um den Büroalltag in ein präzises Kaleidoskop aus Akrobatik, Illusion und schwarzem Humor zu verwandeln. Besucherinnen und Besucher erwartet eine konzentrierte Inszenierung für alle ab acht Jahren, die den zeitgenössischen Zirkus als scharfe Beobachtung unserer Gegenwart begreift. Wer Theateratmosphäre, ungewöhnliche Bühnenkunst und artistische Grenzgänge live erleben möchte, sollte diese deutsche Erstaufführung beim ATOLL Festival nicht verpassen.
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